literaturbonbons

Eine Frau zum Hingucken

Serafine Moll stand im Flur ihrer kleinen Wohnung vor dem Garderobenspiegel. Finstere Gedanken umkreisten sie. Sollte Sie in einem Zeitungsinserat Seufzerkurse anbieten, um Gesellschaft ins Haus zu bekommen? Auch eine Selbstmordschule für Unentschlossene in ihrem Wohnzimmer hielt sie für ein bedenkenswertes Angebot. Wie oft schon hatte sie vor diesem Spiegel gestanden, hatte sich in die kleinen grauen Augen gesehen und war dann verbittert einen Schritt zurückgetreten, wenn ihr Spiegelbild plötzlich zu raunen schien: «Serafine, guck nicht, da ist nichts!» Unzählige Male hatte sie das schon gehört. Und es stand für sie fest: Jemand mit dem Namen Serafine Moll, dreiunddreißig Jahre alt, Buchhalterin bei Schlackmeiers Tütengroßhandel, war eigentlich gar nicht auf der Welt. Vor dem Spiegel stand da allenfalls eine Hülle mit Kopf obendrüber, ein Geschöpf, das auf der Wichtigkeitsskala der Menschheit nicht vorkam. Ein Geschöpf, von dem man sich in den abendlichen Cocktailbars niemals etwas erzählen würde. Auf das kein herumstreunender Herzensbrecher auch nur einen flüchtigen Blick geworfen hätte. Ein Geschöpf, das eines Tages unter einem Grabstein aus Billigmarmor in einer abgelegenen Friedhofsecke dem Vergessen anheimfallen musste, keine Frage. Serafine war darin geübt, sich vor ihrem Spiegelbild zu einem bedeutungslosen Nichts schrumpfen zu sehen. An manchen Tagen tat es ihr entsetzlich weh, dass man sie in dieser Welt nicht bemerken wollte. Dann verglich sie sich mit einer Regenpfütze vor dem Palast der englischen Königin, in die von den aufmarschierenden Wachtposten unentwegt hineingetreten wird.

«Serafine, du verspätest dich!» Ihr Spiegelbild drängte zum Gehen. Serafine zögerte. Wollte ihren finsteren Gedanken noch eine Weile nachhängen. Es war wie eine Sucht, von der sie nicht lassen konnte. Wie oft schon hatte sie mit der Möglichkeit gespielt, aus dem Leben zu gehen. Mancher ihrer Tage hatte damit begonnen, dass sie sich in einem letzten schnellen Albtraum vor dem Aufwachen unter den Rädern eines Leichenwagens wiederfand – wie entgegenkommend, der konnte sie gleich mitnehmen! Als sie in der Firma im Aufzug zwischen dem vierten und dem fünften Stock einmal hängenblieb und an einer jäh losbrechenden Angstattacke zu ersticken drohte, da war sie wieder in so einen Tag hineingeschlittert, an dem sie sich in der Gewissheit bestärkt fühlen durfte, ungebremst ihrem baldigen Ende entgegenzusteuern. Manchmal fand Serafine Trost in der Mythologie, im Götterhimmel der Alten. Dann hoffte sie auf die wankelmütige Fortuna, die für das Glück zuständig war, aber auch auf die Furien, die Serafine als Rachegöttinnen in den Kampf ziehen sah gegen alle Ignoranz und Gleichgültigkeit dieser Welt.

«Du kommst zu spät!» Mit einem Aufseufzen verabschiedete Serafine Moll sich von ihrem Spiegelbild. Schlüpfte in ihren Trenchcoat. Verließ das Haus. Es war Montagmorgen, ein warmer Montagmorgen in Himmelsrode. Die beschauliche Stadt, die es in der Zuckerproduktion zu überregionalem Ansehen gebracht hat, der man nachsagt, ein Hort der schönen Künste zu sein – Himmelsrode war an diesem Morgen mit Frühlingssonne übergossen. Die Leute hatten die Jacken aufgeknöpft, die Radfahrer ignorierten die Straßenverkehrsordnung, die Tauben auf den Dächern erledigten ihre Geschäfte. Auf dem Weg ins Büro hielt Serafine im Vorbeigehen den Sturz in eine Baugrube für einen erstrebenswerten Lebensabschluss, und sie hätte todsicher diesen Sturz auch gewagt, wenn es da unten nicht ganz so matschig gewesen wäre. Im Büro goss sie, wie immer am Montagmorgen, mit behutsamer Vorsicht ihren Säulenkaktus, der ihr die Behutsamkeit mit blitzenden Stacheln dankte. Sie warf einen Blick in die Himmelsroder Rundschau, die ihr von der Werbeabteilung auf den Tisch gelegt worden war, brachte sich auf den aktuellen Stand der Todesanzeigen (wie immer am Montagmorgen lernte sie den Text einer besonders anrührenden Todesanzeige auswendig), sie schickte die Zeitung per Hauspost weiter an den Versand und verkroch sich schließlich hinter ihren Zahlen und Tabellen. Hier war sie in vertrauter Gesellschaft. Hier blühte sie zu einem Wesen auf, das sich seiner Bedeutsamkeit sicher sein durfte. Die tabellarisch geführte Zahl galt ihr als der Inbegriff von Ordnung und Intimität zugleich, und sie konnte sich mit Leidenschaft in den Rechenabenteuern verlieren, die ihr die Zahlen zuspielten. Manchmal allerdings überkam Serafine eine plötzlich hereinbrechende Sehnsucht nach Unordnung – dann schloss sie für einen Moment die Augen und zerträumte die gesamte Buchhaltung von Schlackmeiers Tütengroßhandel zu einem betörenden Durcheinander aus unlösbaren Zahlenrätseln, die ihr wie aufgescheuchte Papiervögel um die Ohren flatterten. Es war eine geheime, manchmal unvermutet aufkeimende wilde Sehnsucht.

 

In der Mittagspause suchte Serafine sich in einem nahe gelegenen Gartenrestaurant einen freien Platz. Beim Kellner bestellte sie ein Nudelgericht mit Pilzsoße (von dem sie im Voraus annahm, dass es geradewegs zu ihrem Tod durch Vergiften führen werde). Sie saß mit zwei Bügelfaltenjünglingen am gleichen Tisch. Während sie aufs Essen wartete, die Jünglinge sich an Börsenkursen wie an einer appetitanregenden Vorspeise hochschwätzten, spielte Serafine mit dem Gedanken, der heranstolpernde Kellner könnte ihr die Nudeln aus Versehen über den Kopf schütten, um sich dann mit den Worten zu entschuldigen: «Tut mir unendlich leid, meine Dame, Sie waren nicht vorhanden!»

Doch an diesem Montagmittag kam für Serafine Moll alles ganz anders. All die finsteren Gedanken verpufften plötzlich und unerwartet in einem Seifenblasenhimmel aus buntgemalter Zuversicht.