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Frühaufsteher? − Nein, Langschläfer!

War es Zufall, dass an einem Freitag im August eine Frau und ein Mann, die nichts von einander wussten, im gleichen Augenblick beschlossen, die Nachmittagsstunden im Schwimmbad von Springfelde zu verbringen, um später dann, ohne Aufsehen, aus dem Leben zu scheiden?

Carolin Honig saß im schwarzen Morgenmantel vor ihrem Mahagoni-Sekretär. Ein Blick auf die Wanduhr sagte ihr: Du hast noch Zeit. Leise sagte sie zu sich selbst: «Das also war mein Leben?» Und sie suchte nach einem Anfang für ihren Abschiedsbrief. Wer würde ihn lesen? Sie warf einen Blick seitwärts zum geöffneten Fenster hinaus und beobachtete eine Amsel, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf dem Holzrahmen einer Plakatwand hockte und zu ihr herüberäugte – den zuckenden Schwanz hochgestellt, als wollte sie signalisieren: He, du da am Feine-Leute-Möbel, mach keine Dummheiten!

Warmer Morgenwind wehte Carolin ins Gesicht. Sie kramte einen Bogen Papier aus dem Sekretär. Seufzte. Schaute wieder zur Plakatwand hinüber: Die Amsel war weggeflogen. Stattdessen streifte ihr Blick jetzt eine pausbackige Schöne, die auf dem Plakat in verschnörkelter Sprechblasenschrift den «leckeren Landkäse für den lebensfrohen Stadtesser» anpries.

Gegen alle Gewohnheit war Carolin Honig an diesem Freitag um sechs Uhr morgens aus dem Schlaf geschreckt. Das Gebrumm einer Mücke hatte sie auffahren lassen. Und der Blick zum Wecker erschreckte sie fast zu Tode: sechs Uhr morgens! Was bedeutete das? War sie noch sie selbst? War das jetzt eine Persönlichkeitsspaltung? Mit einem lautlosen Schrei sah sie sich ins Kopfkissen zurücksinken und konnte sich nur mühsam aufrecht halten. Sechs Uhr morgens! Ein Albtraum! Sie gehörte zu den Langschläferinnen! Durfte sich zu jener gesegneten Spezies der Langschläferinnen zählen, die kein Kanonendonner aus den Verschlingungen ihrer buntgemalten Vormittagsträumereien holte. So war es immer gewesen. Und gerade darum hatte er sich für sie entschieden. «Ist Erstaunlicheres vorstellbar», hatte er ihr beim ersten gemeinsamen Aufwachen ins Ohr geflüstert, «als dass einem Frühaufsteher, wie mir, eine leidenschaftliche Langschläferin vom Schicksal zugeteilt wird?» Seine Worte! Etwas pathetisch, aber wohltuend. «Träum du weiter, ich geh joggen!» So war es dann auf ewig verabredet. So hatten sie es auch immer gehalten. Seit beinahe drei Jahren. Und es waren in diesen drei Jahren immer die schönsten fünf Minuten des Tages gewesen, wenn er vor dem Joggen noch einen Augenblick lang neben ihr auf der Bettkante saß, ihr mit den Fingern über die geschlossenen Augen tupfte, einen Abschiedskuss zu ihr hinunterhauchte und auf Zehenspitzen das Schlafzimmer verließ. Nie hatte sie einen Verdacht geschöpft. Sie war Langschläferin, er Frühaufsteher. Vom Schicksal verleimt, passten sie perfekt zueinander. Und dann das! Der Zettel! Gestern!

Wieder sah Carolin zum Fenster hinaus. Der Himmel in Springfelde färbte sich allmählich mittagsblau. Ein Motorrad knatterte um die Straßenecke. Die Nachbarschaft hatte den Rasenmäher angeworfen. Carolin lächelte gequält. Das war sie: ihre überschaubare Welt. Von der sie sich nun verabschieden wollte. Wollte sie es denn? Oder war es nur eine Laune, die vorüberflog? Sie drehte den Kopf – das Küchenradio sendete scheppernd eine Warnmeldung zu ihr herüber: Im Schwimmbad von Springfelde sei der Zehnmeterturm wegen Baufälligkeit für den Publikumsverkehr bis auf Weiteres gesperrt, und man werde unverzüglich das Wasser im Becken ablassen.

Gestern hatte sie einen Zettel im Briefkasten gefunden. Einen Zettel mit seiner Handschrift. Er teilte ihr mit, er habe seit einiger Zeit eine Joggingpartnerin. Deren Frühaufstehercharme sei er auf Anhieb erlegen. Er könne nichts dafür. Schicksal! Sie müsse sich fortan also ohne ihn durchs Leben träumen. Ende. Kein Wort weiter. – Den Zettel hatte Carolin sofort zerrissen. Hatte die Schnipsel dann sofort wieder aus dem Müll gefischt. Hatte sie zusammengesetzt und mit Spucke auf die Tageszeitung geklebt, die sie, von ihm zurechtgelegt, auf dem Sekretär gefunden hatte. Dann hatte sie versucht, ihn anzurufen. Die Nummer war nicht mehr vergeben.

«Ich bin eine Frau von 47 Jahren», schrieb Carolin. War das ein Anfang? «Ich bin aus gutem Hause (mein Vater war Steuerberater und hat mir ein kleines Vermögen hinterlassen), ich habe ein Psychologiestudium abgebrochen, ich war noch nicht verheiratet, man sagt mir einen Hang zur Überspanntheit nach, aber, na ja, trifft das denn zu? Ich denke, alles in allem ist an mir so ziemlich alles ganz normal. Ich frage mich natürlich: Wer wird mich vermissen? Ist da überhaupt jemand? Wo wird man mich finden? Warum hat er mir das angetan? Weil ich auf einer Heirat mit Ehevertrag bestanden habe? Außer seiner hinreißenden Persönlichkeit hat er ja kaum etwas, das Geld habe ich. Aber es war doch Liebe, oder? Ich habe an seine Liebe geglaubt. Sie hat meine Schritte beschleunigt. Sie hat mir Gerüche zugespielt, die ich nicht kannte. Sie hat meine ausufernden Träume handfester werden lassen. Und auf einmal soll es das alles nicht mehr geben? Mein Leben soll keinen Sinn mehr haben?» Carolin japste nach Luft. Ein Schuss Selbstmitleid hatte ein paar Tränen in ihr hochkommen lassen. Und im Gedankenschnellzug rauschten die vergangenen drei Jahre an ihr vorüber, in denen sie gelernt hatte, glücklich zu sein. Vor der Zeit mit ihm waren immer nur Männer in verrauchten Coctailbars auf sie zugesteuert, bei denen eine Nacht zu holen war, aber kein Glück. Und was würde künftig auf sie zusteuern?

 

Paul Ufer saß vor seinem Laptop. Seit dem Aufwachen brütete er über einem Abschiedsbrief. Einen Anfang hatte er gefunden. «Es hat nicht gereicht.» zeigte der Laptop an. «Es hat nicht gereicht», sagte Paul leise zu sich selbst. Mit 51 Jahren würde er sich heute aus dem Leben abmelden als ein Talent, das mit 15 erste Erfolge als Geburtstagsdichter in der Lokalpresse feierte, das sich, zügellos Einfälle ausdampfend, als Mittzwanziger an einem Roman versuchte, den es dann nie gegeben hat, ein Talent, das in der Gewissheit älter wurde: Du gehörst zu den Großen, Paul, Literaturnobelpreis, warum denn auch nicht, dein Verleger meldet die erste Millionenauflage, in der Wikipedia wird man dich später einmal nur mit steil abwärtsfahrendem Scrollbalken ganz erfassen können, du wirst … so viel Überheblichkeit sei erlaubt! … dichtend wirst du der Unsterblichkeit entgegeneilen. «Oh, mein Gott!» Ein Stoßseufzer. Paul Ufer lachte lautlos. Sein ganzes Leben hatte er mit Illusionen vertrottelt! Hatte nicht erkennen können, wie bescheiden er mit Talenten ausgestattet war. Hatte den Größenwahn in sich selbst zwar immer wahrgenommen, ihn aber als angemessen immer auch geduldet. Zur Schauspielschule war er gegangen, hatte sich Kabarettprogramme geschrieben, hatte Kneipentheater gespielt, in der Rilke-Nachfolge Naturlyrik im Selbstverlag veröffentlicht. Er, der Hansdampf im Literaturbetrieb, wie er sich selbst in einem frühen Memoiren-Versuch charakterisiert hatte. Und auf einmal – an einem kalten Montag im April – hieß es dann: Ende der Vorstellung! Die große Leere tat sich plötzlich vor ihm auf. Schreibblockade! Wie bei Hemingway, redete er sich ein. Schreibblockade, aber das gibt sich! Hat sich bei Hemingway auch gegeben, oder? … Und am Abend dieses kalten Apriltages dann, nach zwei Flaschen Rotwein und allmählichem Bewusstseinsverlust, sah Paul Ufer in einem kurzen Aufscheinen letzter Gedankenklarheit nur noch diese eine Lösung, die schon Hemingway für sich gesehen hatte, und die auch in der Causa Paul Ufer nun als unabwendbar anzusehen war. Immerhin: Er würde sich nicht erschießen, so viel Blut musste nicht sein, aber der Blaue Eisenhut war ja auch eine Möglichkeit.

Der Kaffeeautomat hatte sich mit verröchelndem Zischen gerade selbst abgestellt. Ein letzter Schluck Kaffee? Paul Ufer schüttelte den Kopf. Ihm fiel jener chinesische Gangsterboss ein, der vor seiner Hinrichtung noch eine Zigarette rauchen wollte. Keinen Kaffee mehr! Eigentlich hätte er jetzt zum Dienst aufbrechen sollen. Beim Stadtfernsehen hatte er einen Job angenommen – als Übersetzer der laufenden Nachrichten in die Gebärdensprache. Hatte sich in das Bewegungsspiel der Taubstummen mühelos einarbeiten können, denn – wie lange war das her? – der Pantomimeunterricht auf der Schauspielschule erwies sich da als brauchbare Vorbereitung. Aber dieser Fernseh-Job … bei seinen Talenten, verdammtnochmal! Was für ein Abstieg! «Es hat nicht gereicht!» Paul Ufer sah sich mit 51 Jahren ganz unsentimental als eine grandios gescheiterte Existenz an. Eine Null, für die sich kein Mensch mehr interessierte. An die sich niemand erinnern würde. Er lachte wieder. Konnte sich nicht einmal hassen für all seine Blindheit. Er war – ja! – er war sich auf einmal selbst herzlich gleichgültig geworden. «Also dann, Paul, den Abschiedsbrief kannst du dir schenken, kein Mensch wird ihn lesen wollen. Mach dir einen letzten schönen Spätsommernachmittag, geh ins Schwimmbad – und dann Hemingway!»

 

Das Schwimmbad von Springfelde war überfüllt. Paul Ufer hockte auf seiner Decke und kniff die Augen zusammen. Durch die Augenschlitze betrachtet wurden all die dicken Leiber rundum zu lauter dicken Würmern. Ein Ball flog auf ihn zu, ein Kind kreischte, eine Mutter lamentierte, Paul erhob sich und kickte den Ball in die Menge, unabsichtlich, eine Mutter fauchte ihn an, ein Kind weinte herzzerreißend, ein Bademeister machte sich auf seinem Hochsitz lang, eine Frau fragte: «Wäre hier noch Platz?»

Paul Ufer sah sich irritiert um. Dann setzte er sich wieder und murmelte: «Wäre!» – «Was meinen Sie damit? Kann ich meine Decke hier aufschlagen, oder … hier ist doch noch Platz, oder?» – «Schlagen Sie auf, Verehrteste, was Sie wollen, aber kommen Sie mir nicht zu nahe!» – «Komm ich nicht, Verehrtester, keine Sorge, Ihre Haut ist mir nämlich zu käsig!» Carolin Honig schlug ihre Decke auf, setzte sich und dachte: Blöder Kerl, aber was schert mich das noch …