Peter Welk – Gedichte

Vom Rezitator

 

Der Rezitator ist ein Mann der Töne,

Die er auf Vorrat hält wie Marinade;

Indem er mariniert, entsteht Gedröhne,

Und so verwandelt sich das leicht erdachte Schöne

Ins unverdaulich töneschwere Fade.

Schattenspielend

 

Manchmal denk ich mich am Abend

Aus mir selber weg und gleite,

Schattenspielend zwischen Welten,

Hin ins aufgeklappte Weite,

 

Manchmal häng ich dann an Bildern

Oder Wörtern fest und menge

Mich mit allem durcheinander

Und verlier mich im Gedränge,

 

Manchmal fall ich dann in Tiefen,

Über mir enteilen Räume,

Und ein fremdes Ich am Morgen

Löffelt Ei und deutet Träume.

Kostproben

Liebesgedicht

 

Denkst du noch an jenen Sommerabend

Als der erste Kuss daneben ging?

Hast du noch die Rosen in der Nase?

Siehst du noch, wie hoch der Himmel hing?

 

Wär ich damals in den Baum gestiegen ...

Hätt ich ein paar Sterne umgedreht ...

Hättest du beim Knöpfen still gehalten …

Ach, die Zeit hat alles überweht ...

 

Kälte ist schon übers Dach gekommen.

Winterblumen spannen Silbernetze.

Hättst du je das Ende so gedacht?

Sommerwünsche wurden über Nacht

Zwei im Schnee vergessne Lieblingsplätze.

 

 

Ich im Ich

 

Don Quichotte erfindet eine Brille,

Die kopfeinwärts auch zu nutzen ist,

Und so blickt bebrillt er in die Stille

Seines Wesens durch Erfinderlist.

 

Und schon sieht er sich in sich verdoppelt,

Weil ein Innenich ihn da begrüßt,

Das vom Außenich sich abgekoppelt

Hat und ganz autark die Seele süßt.

 

Wenn er könnte, würde er zusammen-

wünschen wollen Ich und Ich,

Würde Innen sich ins Außen rammen

Lassen sollen so zum Ich an sich,

Das vielleicht entstehen können könnte.

 

Doch es fügt sich nicht nach seinem Willen.

Auch vermittels neu entworfner Brillen

Glückt es nicht,

den Wunsch vom Ich an sich zu stillen.

 

Und so nimmt ers hin und bleibt gespalten.

Hoffend, sich als Ich im Ich stabil zu halten.

Silvesterliedchen

 

Ich wünsch mir nix fürs neue Jahr,

Ich sing mir nur ein Liedchen,

Und wird es, wie das alte war,

Machts kaum ein Unterschiedchen.

 

 

Ich wünsch den andern Leuten Glück

Beim Jagen und beim Sammeln,

Ich zieh mich in mich selbst zurück

Und höre Wiener Schrammeln.

 

Vor meinem Fenster dreht die Welt

Sich unter tausend Flocken,

Ich hab mich mal dazugestellt

In dicken Wollesocken.

 

Ich schlüpf gleich wieder unters Dach

Und zähl Tapetenschäfchen,

Und mitten im Silvesterkrach

Mach ich ein Neujahrsschläfchen.

 

Ihr andern Leute, tobt euch aus,

Lasst die Raketen schweifen,

Ich pack in meinen Träumerein

Die Welt in rosa Watte ein

Mit goldnen Glitzerstreifen.

 

Höhenflug

 

Lieber Gott, ich sah dich gestern kommen

Gradewegs zur Kneipentür herein.

Anfangs glaubte ich, es könnt ein Irrtum sein,

Denn ich sah dich zwar, doch sah ich dich verschwommen,

Und dein Gang, entschuldige, war mehr ein Wanken,

Und das ließ mich rundherum im Glauben schwanken.

 

Doch dann hast du zu den Himmelsachsen

Dich ins Lot gebracht und aufrecht kamst du her,

Nichts von Wanken oder Schwanken sah ich mehr,

Vielmehr schiens, als sollten dir jetzt Flügel wachsen,

Und wie dir – mir auch! So dass wir Schleifen flogen

Kneipenauswärts und vereint gen Himmel zogen.

 

Möglich, dass wir bis zur Himmelspforte kamen,

Bloß, ich weiß es nicht und wüsst es gerne, amen.

(Fotografie um 1910)

Zwei Minuten noch!

 

Wissen Sie, ich möcht ja richtig möchten,

Und Sie möchten, werter Herr, vermutlich auch,

Zwischen uns stehts gar nicht mal zum Schlechten,

Vor gemeinsamer Enthemmung nur ein Hauch

Hält uns noch, wie sag ichs, auf Distanz,

Zwei Minuten noch, dann könnten wir uns ganz

Sozusagen ineinander denken,

Meinetwegen fällt das Denken auch mal aus,

Und ich fang mal an, mich zu verschenken,

Und Sie nehmen sich was Passendes heraus,

Oder droht schon die Enthemmung zu erkalten,

Und ich sollte einfach nur die Klappe halten?