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Peter Welk, Gedichte und Geschichten

Die Möwen sehen alle aus, als ob sie Emma hießen.

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Dein Fehler

Dein Fehler, Liebste, ach, ich liebe ihn,
Weil du ihn hast,
Und er ist eine deiner liebsten Gaben.
Seh ich an andern ihn, so seh ich fast
Dich selbst und sehe nach dem Fehler hin,
Und alle will ich lieben, die ihn haben!

Fehlst du mir einst und fehlt dein Fehler mir,
Weil du dahin,
Wie wollt ich, Liebste, lieber dich ergänzen
Als durch den Fehler? Ach, ich liebe ihn,
Und seh ich ihn schon längst nicht mehr an dir,
Die Hässlichste wird mir durch ihn erglänzen!

Doch träte selbst die Schönste vor mich hin,
Und fehlerlos,
Und folgten ihr die Blicke scheel und scheeler *)
Ihr, die so vieles hat, fehlt eines bloß
Und alles drum - ach, wie vermiss ich ihn -
Ihr fehlt doch, Liebste, was mir fehlt: dein Fehler!

Karl Kraus

Anmerkung
*) Und folgten ihr die Blicke scheel und scheeler –
diese Gedicht-Zeile wurde Karl Kraus untergeschoben. Im Original heißt es:Ich wäre meines Drangs zu dir kein Hehler.
Dem Sprachkünstler Karl Kraus eine Zeile unterzuschieben, mag als Todsünde eingestuft werden, die Originalzeile begreift beim Vortrag aber kein Mensch.

Peter Welk mit “Dein Fehler” >>>

Kurt Tucholsky im Berliner Tageblatt (1920): “Der Vorleser Kraus ist einer der stärksten Eindrücke. Er sieht fast niemals auf, er liest richtig vor – nur manchmal beschreiben diese seltsamen schmalen Finger einen Halbkreis oder sie zeichnen eine Geste übertrieben auf ... nur die Stimme herrscht. Nein: Der Wille herrscht. Seine Stirnader schwillt. Mit ungeheurer Intensität bricht das Geschriebene und Erlebte noch einmal heraus – eine Eruption seltenen Grades. Er darf es wagen, entgegen allen Vortragsgesetzen, fortissimo zu beginnen und andante fortzufahren – weil es wahr ist, in jedem Augenblick wahr. Schrei auf Schrei entringt sich dieser gequälten Brust, Ruf auf Ruf, Klage auf Klage. Und Anklage auf Anklage.”

Karl Kraus

Karl Kraus (1874 – 1936)
“Mein eigentlicher und einziger Erfolg besteht darin, die Welt, in die einzudringen mir von Natur verwehrt ist, hinreichend unsicher gemacht zu haben.”

Kein Werk der Weltliteratur wurde häufiger ins Deutsche übersetzt als Shakespeares Sonette. Hunderte Dichter und Möchtegernlyriker haben sich daran versucht. Auch Stefan George, der zu seiner Zeit Hochverehrte. Auch Karl Kraus, der passionierte Rachefeldzügler, der 1932 zu Stefan Georges Shakespeare-Nachdichtungen in der Literaturzeitschrift Die Fackel notierte: „Befund hoffnungslos. Totholz jede Zeile.“ Der sich kurzerhand ans Schreibpult setzte und die 154 lyrischen Kostbarkeiten selbst nachdichtete. „… mit dem Anspruch auf das Urteil, dass eine bisher unerschlossene Partie der Shakespearschen Schöpfung der deutschen Sprache und der deutschen Dichtung gewonnen ist.“ Selbstbewusstsein war seine Sache immer. Eine unverhohlene Neigung zu öffentlich zelebrierter Selbstherrlichkeit erst recht. Kraus’ Lieblingspose: Der Olympier im Kampf gegen die literarische Unterwelt. Der Sprachbändiger im Kampf gegen die Phrasendrescher und Sprachschluderer. Das formende Genie im Kampf gegen die Text spuckenden Zeitungsschreiber, für die er den Begriff „Journaille“ prägte. Die er „Tintenstrolche“ schimpfte. „Die Menschen glauben immer noch, dass der menschliche Inhalt bei schlechtem Stil ein vorzüglicher sein könne, und dass sich die Gesinnung ganz separat etabliere. Aber ich behaupte, dass nichts notwendiger ist, als solche Leute als Makulatur einzustampfen.” Und feixend setzt er hinzu: “Oder es müsste ein Landtag über die Sprache konstituiert werden, der, wie für jede Kreuzotter, für jede erlegte Phrase eine Belohnung aussetzt.”

Der vierzigjährige Karl Kraus lernt am 8. September 1913 im Wiener Café Imperial die Baronesse Sidonie Nadherny von Borutin kennen. Das Zusammentreffen verändert beider Leben. Er erwägt, ihr zuliebe seine Zeitschrift Die Fackel aufzugeben. Sie kommt von der Verpflichtung gegenüber ihrer Familie nicht los, eine standesgemäße Heirat einzugehen. Sidi, wie er sie nennt, wird zur wichtigen Briefpartnerin, zur inspirierenden Zuhörerin und, virtuos von ihrem Sprachzauberer angehimmelt, zur Adressatin von Büchern und Gedichten.

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