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Ein Morgenstern-Gedicht zu erfinden, ist gar nicht so schwer: Man muss staunen können, das genügt. Und ein bisschen mit Sprache umgehen können. Und eine Pointe setzen können. Und die zweite Naivität muss man haben – ohne die geht allerdings gar nichts. Ein Morgenstern-Gedicht fängt zum Beispiel so an: „Ein Seufzer lief Schlittschuh auf nächtlichem Eis.“ Daraus kann man ein Gedicht machen? Ist das nicht die pure Sinnlosigkeit? Ja, ist es. Überwältigende Sinnlosigkeit! „Die Möwen sehen alle aus, als ob sie Emma hießen.“ Wunderbarer Quatsch! „Korf erfindet eine Uhr, die mit zwei Paar Zeigern kreist und damit nach vorn nicht nur, sondern auch nach rückwärts weist.“ Himmlischer Unfug! Mit dem der Purzelbaum-Dichter Morgenstern in drei schlicht gebauten Strophen den Beweis antreten kann, dass die Zeit, von seinen Zeigern umlaufen, sich selber aufhebt.
Und Räume heben sich auf, wenn dieser Dichter, Sohn eines Landschaftsmalers, Enkel zweier Landschaftsmaler, zum Beispiel von einem Lattenzaun zu erzählen beginnt: „Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun. Ein Architekt, der dieses sah, stand eines Abends plötzlich da und nahm den Zwischenraum heraus und baute draus ein großes Haus.“ Der Zwischenraum als Zweitwohnung zum Verrücktspielen – gar kein abwegiger Gedanke, oder? Hat man sich erst einmal eingelassen auf diesen, im rätselhaftesten Sinne des Wortes, verrückten Christian Morgenstern, wird man nicht zum Dichter, aber garantiert zum Gelegenheits-Dadaisten. (Übrigens: Dem Dadaismus ist Morgenstern mit seinem Gedicht „Das große Lalula“ um ein ganzes Jahrzehnt zuvorgekommen.) Und vor allem wird man ihn nicht wieder los, diesen skrupellosen Hütchenspieler zwischen Raum und Zeit, der mit Sprache umgehen konnte, wie der Lyrikerkollege Rilke, der in einem Brief an Morgenstern bewundernd schrieb: „Du Glückskind, wetten will ich fast, dass du die Taschen voller Sterne, die Seele voller Jubel hast.“ Die Seele voller Siebenschweine, Mondschafe und Werwölfe hatte er.
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