literaturbonbons

Sämtliche Erzählungen können, als Literaturbonbon verpackt, per eMail

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Der vollständige Text
der Erzählung 
«Ist es schon Tollheit …»

kann als epub-Datei

hier >>>

abgerufen werden.

 

 

Als Mitschnitt bei
einem Düsseldorfer Literaturkonzert

kann die Erzählung

im mp3-Format

hier abgerufen werden:


Teil eins

Teil zwei

Teil drei

Teil vier

Teil fünf

Teil sechs

Teil sieben

«Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode.»

(Hamlet 2. Akt, 2. Szene)

 

 

Ist es schon Tollheit, hat es doch Methode

Der Pförtner machte sich hinter seiner Scheibe lang: «Sie wünschen?» fragte er den älteren Herrn. Der war gerade mit einem sanft näselnden «Guten Morgen!» auf das geöffnete kleine Rundfenster zugegangen, hinter dem der Pförtner freundlich und auch ein wenig gelangweilt guckte. «Nun, ich wünsche», antwortete der ältere Herr, «die Stelle als Regieassistent zu bekommen.» – «Aha!» sagte der Pförtner. Dann fragte er: «Sie heißen?» – «Gründgens.» – «Aha. Ihr Vorname?» – «Gustaf mit f.» – «Mit f, aha. Ja, dann warten Sie mal, ich schreib dann mal gleich Ihren Namen ins Besucherbuch, aber jetzt ruf ich erst mal das Vorzimmer an.» – «Danke», sagte der ältere Herr. – «Ja, hier die Pforte, Frau Ledeldeng … also, da steht hier ein Herr, der will sich als Regieassistent bewerben … nein, kein junger Mann, ein» – der Pförtner lugte durch die Scheibe – «ein eher älterer Herr … wie alt?» Der Pförtner senkte die Stimme: «Schwer zu schätzen», murmelte er in den Hörer, «alterslos, wenn Sie mich fragen … wie er aussieht? Ja, na ja, wie sieht er aus … nicht wie unsere Regieassistenten sonst, eher gepflegt.» – Der Pförtner lächelte dem älteren Herrn aufmunternd zu: «Ob Sie schon mal als Regieassistent gearbeitet haben, will das Vorzimmer wissen?» – Der ältere Herr nickte. – «Ja, er hat!» Eine Pause entstand, der Pförtner hörte auf die Telefonstimme aus dem Vorzimmer. «Ob Sie so etwas wie ein Empfehlungsschreiben mithaben, will die Frau Ledeldeng wissen.» – «Ich könnte mir eines schreiben.» – «Er könnte sich eins schreiben», gab es der Pförtner durchs Telefon weiter. – «Aha, ja. Ich verstehe.» sagte er dann, und zu dem älteren Herrn gewandt, fügte er erklärend hinzu: «Die Frau Ledeldeng fand das lustig und kommt runter.» Er legte auf. Der ältere Herr bedankte sich mit einem unruhigen Blinzeln. Der Pförtner dachte: Der ist aber aufgeregt! Und durch sein Fenster fragte er: «Lampenfieber?» Der ältere Herr nickte. – «Vielleicht überlegen Sie es sich noch mal», schlug der Pförtner vor, «Theater ist nichts für schwache Nerven!» Der ältere Herr schien es nicht gehört zu haben.

Frau Ledeldeng kam. Der Pförtner deutete hinter seiner Scheibe stumm auf den älteren Herrn. Frau Ledeldeng stellte sich vor: «Ledeldeng, Vorzimmer von Frau Intendantin Schock-Schuster. Sie sind also Herr … Herr …?» – «Gründgens, angenehm.» – «Gründgens, Gründgens … der Name kommt mir irgendwie bekannt vor.» – «Das freut mich.» – «Und Sie wollen also zum Theater, wenn ich unseren Pförtner richtig verstanden habe?» – «Gewissermaßen, wieder. Ja.» – «Wieso gewissermaßen? Wollen Sie oder wollen Sie nicht?» Frau Ledeldeng schien einen Augenblick lang verwirrt zu sein. Sie nahm ihre Brille ab und putzte eines der Gläser. Dann sagte sie: «Ob Sie nun wollen oder nicht, das spielt ja eigentlich gar keine Rolle, Herr … Herr Gründgens, so war doch der Name, war er so? Nun, wir suchen händeringend einen Regieassistenten, das ist wohl wahr, und da wäre uns auch ein Berufsfremder ganz angenehm. Wissen Sie: Man profitiert auch von den ganz normalen Menschen draußen in der Welt, heißt es in einem Sprichwort, das von uns Theaterleuten gerne zitiert wird. Wenn Sie also wollen? Nämlich: Ihr Vorgänger hat sich aus dem Staub gemacht.» – «Ach, Gott, und warum?» fragte der ältere Herr. – «Ist vor der Herausforderung davongelaufen, ja, so könnte man es ausdrücken.» – «Was Sie nicht sagen», sagte der ältere Herr. – «Haben Sie eine Qualifikation?» wollte Frau Ledeldeng wissen, «Schauspielschule, oder so was in der Art?» – «So was in der Art», bestätigte der ältere Herr. – «Na, dann kommen Sie mal mit, vielleicht können wir sie ja tatsächlich gebrauchen. Wir probieren gerade den Hamlet, kennen Sie das Stück?» – Der ältere Herr nickte: «Von früher.» – «Na, das wird dann ja eine Weile her sein», sagte Frau Ledeldeng. «Sie müssten es also ziemlich bald noch einmal aufmerksam lesen!» Frau Ledeldeng ging voraus, der ältere Herr folgte ihr …