literaturbonbons

Die Texte für Kinder zu Saint-Saens'

«Karneval der Tiere» haben sich bei Aufführungen bewährt

(im Zusammenspiel mit dem Orchester der Jugendmusikschule in Hilden).

 

Für Aufführungen in Schulen und Vereinen stehen die neuen Texte kostenlos

zur Verfügung,

es muss lediglich die Zustimmung des Autors per eMail eingeholt werden:

peter@welk.de

Der Karneval der Tiere

Neue Texte für Kinder zu Saint-Saens' Musik

«Was zieh ich an zum Karneval?»

Fragt der Delfin den Buckelwal.

«Wir könnten uns als Raben schminken!»

Bezwitschern sich die Distelfinken.

 

Alle sieben Jahre im Oktober – und es ist für sie der wichtigste Tag im Kalender! – feiern die Tiere auf einer mondgelb beschienenen Waldwiese den Karneval. Um Mitternacht. Niemand weiß genau, wie sie sich dorthin verabreden. Man glaubt, die Tiere besprechen es übers Dschungeltelefon, und das funktioniert, wenn überhaupt, eben nur im Oktober. Und nur alle sieben Jahre. Ihr glaubt mir nicht? Ich mir auch nicht. Aber es ist so, das könnt ihr mir glauben! Schon Tage vorher sind alle ganz aufgeregt. Reden durcheinander.

 

Der Elefant fragt seine Frau:

«Gehst du als Goldfisch? Bleib ich grau?»

Und die im Strauch versteckte Zecke

Sieht sich im Schleimkostüm als Schnecke.

«Ich geh als Storch!» sagt die Giraffe.

«Und ich als Mensch!» erklärt der Affe.

 

«Und ich» – so verkündet es übers Dschungeltelefon der Frosch – «ich gehe in diesem Jahr als Löwe!»  Er stimmt das Karnevalslied der Wasser- und Wüstentiere an: «… quackiwackitussidölöwittitittizack» und schon wachsen ihm Muskeln und ein Reißzahn links oben und einer rechts unten und eine gewaltige Mähne. Das geschieht erst einmal nur in seinen Gedanken, und er sieht es später auch in einem Traum, aber in der Karnevalsnacht wird es dann Wirklichkeit: sichtbar für ihn und alle Tiere. Alle können es sehen: Der Frosch kommt als Löwe verkleidet, eine Nacht lang ist er der König des Dschungels.

 

Und alle wuseln wie im Fieber,

Die einen färben sich die Tatzen,

Den andern ist der Horror lieber,

Die üben vor dem Spiegel Fratzen.

 

In der mondgelben Oktobernacht sind schließlich alle Tiere unterwegs zur Karnevalswiese. Sie schleichen sich an, sie krabbeln und kriechen, sie fliegen und flattern, stolzieren und stampfen und schwimmen und schwirren. Allen voraus mit Rattatatamm und großem Orchester: seine Majestät König Frosch von Wüstenohr und Löwenherz!

 

 

Musik eins: Introduktion und Löwenmarsch

 

 

Was für ein Aufmarsch! König Frosch von Wüstenohr und Löwenherz machte – es war ja nicht zu überhören – er machte Krach für zehn Löwen und drei brüllende Ochsen obendrein. Na, und das gefiel vor allem den Kröten und den Unken ganz besonders gut. Begeistert waren sie seiner Majestät hinterhergepatschelt. Quakten sie ihm hinterher, quakten um ihn herum, machten ihm quakend und quäkend karnevalssüße Liebeserklärungen.

 

«Ach, er ist so animalisch,

Unser König, so ein Mann,

Quakelschön und musikalisch,

Der ein Krötenweib,

Eine Unkenfrau

Mit Radau – verquiekeln kann.»

 

Und der gelbe Mond über der Waldwiese klapperte verwundert mit den Augendeckeln – war das zu glauben? Aus den Kröten und Unken da unten waren auf einmal, kaum hatten sie ihr Liebesgequiekel begonnen, waren unversehens Hühner und Hennen geworden: Gackerndes, klackerndes Federvieh, das einen Blauschwanzhahn, der eben noch ein Pinselohraffe gewesen war, umtippelte, umtrippelte, mit Hühnergeflöte umtuckerte, umgluckerte, dass sich König Frosch von Löwenherz vor Verwunderung die Mähnenhaare sträubten!

 

 

Musik zwei: Hennen und Hähne

 

 

Seit Urzeiten wohnen sie im Runzelscharmunzelwald dreizehn Kilometer hinter der Karnevalswiese: die Dickwarzenschweine. Runzlig, grunzliche Viecher, denen der Mensch nachsagt, sie hätten keinen Sinn für Humor. «Humor, was soll das sein?» haben die Dickwarzenschweine bei den Menschen nachgefragt, und man hat ihnen zur Antwort gegeben: «Humor ist, wenn man über sich selbst lachen kann.» – «Können wir nicht! Müssen wir auch nicht! Warum sollen wir über uns selber lachen? Lachen macht blöd!» hatten die Dickwarzenschweine erwidert. Und weil sie immer die klügsten Tiere der Welt sein wollen, hatten sie sich zum Karneval als Esel verkleidet. Und rannten sich nun auf der Karnevalswiese an den uralten Bäumen immerzu die Eselsköpfe ein. Mit Anlauf. «Das ist Humor!» schrien sie.

 

 

Musik drei: Rennende Esel

 

 

Auf der Karnevalswiese wollten die rennenden Esel, die einmal Dickwarzenschweine gewesen waren, überhaupt nicht aufhören gegen die uralten Bäume zu rennen, obwohl sich einige von ihnen schon blutige Schnauzen und pflaumenblaue Augen geholt hatten – na, und die schnellen Gazellen, denen es beim Anblick der rennenden Esel in den Beinen juckte, die wollten natürlich auf der Stelle mitrennen und den Wettkampf gegen die Esel gewinnen. Und sie hätten ihn auch gewonnen, wenn, ja, wenn ihnen nicht irgendein Karnevalsteufel einen Streich gespielt hätte: Denn kaum hatten die schnellen Gazellen am Start Aufstellung genommen, standen sie, ja, wie? als trötige Schildkröten in den Startlöchern! Und als sie dann mit der Rennerei loslegen wollten, wurde daraus ein laaangsamschwappendes schiiildkrötenschlappendes Watschelballett.

 

 

Musik vier: die Schildkröten

 

 

Rapolka, die Frau des Elefanten, wollte sich zum Karneval nicht verkleiden. «Ich bleibe, was ich bin» rüsselte sie ihrem Ehemann Rumbumbel ins Ohr, bevor sich beide auf den Weg zur Waldwiese machten: «Ich bleibe eine einfache Dschungelschönheit ohne Firlefanz und Schminke, basta!» – Rumbumbel protestierte:

 

Ach, Rapolka, schönes Weib,

Guck ich auf den schlanken Leib,

Ach, da denk ich, wärs nicht eine Wonne,

Hätt ich dich zum Karneval als Tonne!

 

Aber Rapolka wollte von Wonne und Tonne überhaupt nichts hören. «Mach dich auf eine Überraschung gefasst!» fuhr sie ihren Ehemann an. Und tatsächlich: Auf der mondgelb beschienenen Waldwiese tanzte Rapolka mit ihrem Rumbumbel einen Mitternachtstanz, wie man ihn dort noch nie gesehen hatte: Er, Rumbumbel, im Kostüm eines alten Nashorns, sie aber – der Mond kam aus dem Staunen gar nicht heraus – Rapolka war in goldener Elefantenhaut zum Tanz angetreten, an ihren Schlappohren baumelten Silberringe, auf denen nachtgrüne Kolibris schaukelten, sie tanzte mit eingezogenem Bauch und ringelte immer auf drei: einszweidrei ringeltsich! magisch den kleinen flattrigen Elefantenschwanz. Rumbumbel war überwältigt. Alle ihm bekannten Tanzschritte hatte er plötzlich vergessen. Er ließ sich von Rapolka ziehen und drehen und drücken und schieben und trompetete immer und immer wieder unhörbar leise in sich hinein:

 

Ich tanze mit der schönsten Frau auf Erden,

Nie soll sie eine Rumpeltonne werden …

 

 

Musik fünf: der Elefant

 

 

Die Beutelwölfe waren als Kängurus verkleidet zum Karnevalsfest gekommen. Und sie hüpften dem tanzenden Elefantenpaar – wie es sich für kribbelfüßige Kängurus gehört – unentwegt zwischen den Beinen hindurch. Dass es Rumbumbel irgendwann auf den Waldboden hinschlug. Er stöhnte auf, rang nach Atem, und es hatte sich ausgetanzt für ihn. Rapolka war untröstlich: «Wer tanzt jetzt mit mir?» jammerte sie. «Ach, wie bin ich jetzt allein gelassen!» wimmerte sie. Da hüpften die Kängurus nahe an Rapolka heran und trällerten ein Känguruberuhigungsliedchen in ihr linkes Schlappohr:

 

Augen auf und Klappe zu,

Guck, das steht ein Känguru,

Kann dich an der Nase züpfen,

Wird dich in die Seite stüpfen,

Sollst mit Känguru entschlüpfen,

Wiese rauf und runterhüpfen!

 

 

Musik sechs: die Kängurus

 

 

Der Mond hatte sich gerade um die eigene Achse gedreht. Er wusste selbst nicht, warum. Und gerufen hatte er – oder war es der Mann im Mond gewesen, der da gerufen hatte? Oder die Frau im Mond? Die Prinzessin im Mond? Ja! Es musste die Prinzessin der tausend Wolkenfische und Sternenmuscheln gewesen sein! «Guckt nach oben!» hatte sie gerufen.

 

Hier! Wer sieht mich? Guckt nach oben,

Silberschuppenfische flimmern

Über euch hinweg, ich rufe:

Seepferd mach dich auf die Hufe,

Zitteraal und Tiefseemotte,

Kommt, verwandelt euch in Töne!

Silbertöne, wunderschöne

Wasserstimmen will ich hören!

 

 

Musik sieben: Aquarium

 

 

Die Esel rannten sich noch immer an den uralten Bäumen die Schädel ein, und so hörten sie die tausend Wassertöne vom Mond herunter auch nicht. Oder wollten sie nicht hören. Denn sie hatten die Ohren heruntergeklappt und rannten. Und fingen plötzlich an zu schreien. Einer fing an. Rannte los und schrie. Dann alle. Rennen, rums!, und Baum und Bums. Auf der mondgelb beschienenen Karnevalswiese erzitterte das Gras. Die Schreie der Esel ließen das Gras und den Waldboden erzittern.

 

 

Musik acht: Geschrei der Esel

 

 

«Guck!» wurde gerufen. Was war da los? Eine Uhr tanzte über die Karnevalswiese! Eine Uhr? Eine Uhr auf Beinen? Wer hatte sich da als Uhr verkleidet?

 

 

Musik neun: der Kuckuck

 

 

Der Kuckuck, als Uhr verkleidet,  war in die Nacht hinaus getanzt, und auf der Karnevalswiese wurde es jetzt still. Kein Lüftchen regte sich mehr, kein Blatt bewegte sich in den Wipfeln der uralten Bäume. Für einen Augenblick waren alle Geräusche des Waldes angehalten, alle Rufe und Schreie waren verflogen. Es war ein magischer Augenblick. Die Königin der Waldameisen hatte ihr Volk um sich versammelt, und millionen Waldameisen hielten auf ihren Befehl eine Sekunde lang den Atem an: Ihr Auftritt beim Karneval der Tiere stand bevor. Die Waldameisen machten es spannend. Und dann, auf einen Pfiff, standen millionen Waldameisen plötzlich als millionen Kanarienvögel verkleidet vor ihrer Königin – und sie flogen auf. Eine Wolke aus gelbflatternden Zwitschervögeln erhob sich über der Wiese, und ihr Gezwitscher war bis zum Nordpol hinunter zu hören. Bis zum Südpol hinunter auch.

 

 

Musik zehn: die Vögel

 

 

Ein Klavier hatte sich auf der Wiese verlaufen – ein Klavier? Zwei Klaviere! Drei Klaviere! Vielleicht waren es aber auch als Klaviere verkleidete Uhus … konnte man es wissen? Jedenfalls: Lärm machten sie wie mindestens zehn Klaviere.

 

 

Musik elf: die Pianisten

 

 

Der Lärm hatte den Waldboden aufgewühlt, die Erde war urplötzlich aufgebrochen. Wurzelstrünke schlängelten sich aus der Tiefe nach oben und verkrochen sich unter herumliegenden Blatthaufen. Der Waldboden begann zu dampfen. Spuckte Steine aus. Spuckte Knochen aus, uralte Knochen, Knochenstücke aus den Urtagen der Erde, Urzeitknochen, die sich verwandelten, zurückverwandelten, und aus den Urknochen wurden die Urmonster. Da! Ein Knochen wird zum Riesensaurus, der da zum Rückenstachelsaurus, da stapft der Langzahnsaurier über die Mondwiese, und dort tritt sich der Thyrannosaurus Rex beim Urtanz selbst auf die Füße!

 

 

Musik zwölf: Fossilien

 

 

«Zwar bin ich klug, ich bin aber auch das hässlichste Tier der Welt!» hatte die Kakerlake zu sich selbst gesagt, als sie über einen Besuch auf der Karnevalswiese nachdachte. «Man wird mich zertreten, wenn ich mich dort zeige, wie ich bin. Ich bin so hässlich, dass der Küchenboden grau wird, wenn ich drüberweggestochert bin, ich bin so unausstehlich hässlich, dass mir die Filzläuse ins Gesicht spucken, wenn ich ihnen zu nahe komme, ich bin das hässlichste Tier der Welt! Aber das soll sich heute ändern! Ich werde mich verkleiden! Zum Karneval geh ich als das schönste Tier der Welt! Wenn ich bloß wüsste, welches Tier das ist …

 

Ist die Schimmermücke schön,

Soll ich als Libelle gehn?

Schön verglühen um die Türmchen

Mitternachts die Glimmerwürmchen,

Und die Ringelnatter blitzt

Schön, wenn sie um Ecken flitzt.

Schön ist auch das Dromedar,

Wenn es in der Dusche war,

Alle sind sie schön, doch wer,

Bitte, macht am meisten her?

 

Die Kakerlake hatte gegrübelt und gegrübelt, und darüber war sie eingeschlafen. Die Träume kamen, die ganze Kakerlakenwelt verwandelte sich in ein schäumendes Meer, auf dem die Träume schwammen – und auf einmal wusste sie es. Sie sah es. Sah sich selbst als das schönste Tier der Welt im Traum auf sich zuschwimmen. Und die Kakerlake wachte auf, kostümierte sich für den Karneval, machte sich eilig auf den Weg zur mondgelb beschienenen Wiese … und alle Tiere waren stumm vor Staunen, als die Wiese sich nun in ein weites schimmerndes Meer verwandelte. Und herangeschwommen auf dem Meer kam die Kakerlake, und sie war jetzt das schönste Tier der Welt: ein großer weißer Schwan.

 

 

Musik dreizehn: der Schwan

 

 

Nun ging alles ganz schnell. Als der Morgen dämmerte, quakte König Frosch von Wüstenohr und Löwenherz: «In sieben Jahren, Herrschaften! Man sieht sich, quak!». Und die Hennen und Hühner unkten wieder, die Esel fingen an, sich in den Dickwarzenschweinnasen zu bohren, Rapolka, die Elefantenfrau, trompetete ein wehmütiges «Ach, war ich in Fahrt!», die Beutelwölfe heulten und wollten für immer Kängurus sein, aus den Silberstimmen der Wolkenfische wurde wieder Tiefseemottengebrumm, die tanzende Uhr blieb stehen, die Tür öffnete sich, und der Kuckuck stolperte heraus, den Waldameisen blieb das Zwitschern in den Ameisenkehlen stecken, das Klavier brach auseinander, die Saurier schrumpften in den Waldboden zurück, und das weiße Kleid des Schwans flog auf wie ein großes weißes Bettlaken, drehte über allen Köpfen einen Wirbel, wurde schwarz wie ein Schornsteinfegerkissenbezug, senkte sich auf die Waldwiese herunter und deckte den Karneval der Tiere zu. Aber in den Ohren aller, die dabei gewesen waren, klangen die Abenteuer einer aufregenden Karnevalsnacht noch lange lange nach.