literaturbonbons

Der vollständige Text

der Erzählung

«Sei immer trunken»

kann als epub-Datei

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abgerufen werden.

Lass mich, eh sie

mich begraben,

einen Letzten

sitzen haben!

Man muss immer trunken sein! Das ist alles, die einzige Lösung. Um nicht das furchtbare Joch der Zeit zu spüren, das eure Schultern zerbricht und euch zur Erde beugt, müsst ihr euch berauschen, zügellos. Doch womit? Mit Wein, Poesie oder mit Tugend, womit ihr wollt. Aber berauschet euch! (Charles Baudelaire)

Sei immer trunken!

Irgendwo läutete es. Waren es Glocken, die er da gerade gehört hatte? Als Joe Fliederstein am Morgen seines siebzigsten Geburtstages mit schwerem Kopf erwachte, fand er sich nicht, wie erwartet, auf einer Parkbank wieder: Im Augenblick des Aufwachens war er – er hatte sich selbst dabei zusehen können – singend, und von mächtig tönendem Glockengeläut begleitet, durch eine Tür getreten. Und er wusste es sofort: Sein Erdenleben war gerade zu Ende gegangen, und er war im Wartezimmer zum Jüngsten Gericht angekommen.

In diesem Wartezimmer sah es aus wie in einem irdischen Wartezimmer. Rundum sah Joe Fliederstein Leute, die auf Stühlen hockten. Die ihn aus den Augenwinkeln anstarrten. Er erinnerte sich an das Wartezimmer eines irdischen Arbeitsamtes, das er zu Lebzeiten einige Male hatte aufsuchen müssen: Dort war er auch so angestarrt worden. Joe ging auf einen der Wartenden zu und fragte ihn: «Wird man hier aufgerufen?» Der Wartende blieb stumm, rührte sich nicht, bekam dann von irgendwoher einen Zettel zugesteckt, den er an Joe Fliederstein weiterreichte. «Anweisung», las Joe vom Zettel ab, «wie du dich vorbereitest auf den Gerichtstag.» – Gerichtstag? – Und weiter: «So sollst du dich, der du nun durch die Tür getreten bist, also erinnern an die Jahre deines Erdendaseins und über sie richten», las Joe, «wirst ein Urteil sprechen über dich selbst und entscheiden, wo man dich in der Ewigkeit unterbringen soll.»

Wirst ein Urteil sprechen über dich selbst? Warum denn ich? Joe Fliederstein wollte den Zettel zurückgeben. Wollte ihn loswerden. Sollten doch erst einmal die Anderen sich vorbereiten, die saßen doch schon länger hier herum! Wieso ausgerechnet er? Was war denn schon dran an seinem «Erdendasein», wie es auf dem Zettel hieß?

Joe griff nach der Cognacflasche. Es war ein Handgriff ins Leere. Er hatte die Flasche unter der Parkbank abgestellt … und wo war die Flasche jetzt? Am Vorabend seines siebzigsten Geburtstages … Joe Fliederstein sieht sich in Gedanken auf die Bank zusteuern, er setzt sich, er entkorkt die Flasche mit geübtem Daumendruck … Herr im Himmel, ja, er hatte sich einen teuren Cognac genehmigt, versehentliches Mitbringsel aus der Feinkostecke des Supermarktes … wurde ihm das hier oben jetzt als Kapitalverbrechen ausgelegt? Wo war die Flasche? … Bis auf einen letzten Schluck hatte er sie geleert, daran glaubte Joe sich zu erinnern. Ein letzter Schluck sollte reserviert bleiben für den neuen jungen Morgen, auf dass es ein gesegneter junger Morgen werde, so hatte er es sich ausgemalt. Er würde die Augen öffnen, in die Frühsonne blinzeln und diesen letzten Schluck langsam die Kehle hinunterrinnen lassen … oder teilen. Mit ihr. Mit der Rothaarigen. Die sich – war es gestern Abend? – zu ihm auf die Bank gesetzt hatte, so, als seien sie alte Bekannte … mit ihr zusammen hätte er auf ein neues Leben anstoßen können, ein letzter Schluck und dann gesegnete Enthaltsamkeit, das war der Plan! An seinem siebzigsten Geburtstag noch einmal von vorn anfangen und in ein Leben starten, das man guten Gewissens vorzeigen konnte, zum Beispiel im Jenseits, wo war die Flasche? … Oder sollte ihm der letzte Schluck womöglich nicht vergönnt sein? Empörung kam in Joe auf. Wurde er um seine letzte Chance gebracht, geradezurücken, was er zu Lebzeiten verbockt hatte? Joe blickte sich um. Hörte man ihm hier überhaupt zu? Keiner der Wartenden schien bereit zu sein, auf seine Fragen eine Antwort zu geben. Aha! So also wurde das hier oben geregelt! In Joe Fliederstein brodelte es. Auf brutale Art und Weise hatte man ihn in die Ewigkeit verfrachtet, so sah es doch jetzt aus, und hier sollte er nun entscheiden – er selbst, was für eine Hinterhältigkeit! – ob er sich den Himmel verdient hatte. Was, wenn er herausfände, dass die … die Hölle für ihn in Frage kommen könnte? Und dass er sich am Ende selbst dort einquartieren musste? Na, das wär ja noch schöner! Außerdem: Er war doch noch gar nicht an der Reihe! Als Joe aber einen Blick auf die Wartenden warf, sah er, dass die sich zusammengerottet hatten. Dass sie jetzt wie die Zuschauer in einem Theater in einem Halbkreis zusammengepfercht vor ihm auf ihren Stühlen hockten. Vor ihm, dem Angeklagten, der unversehens – Joe Fliederstein nahm es mit Erschrecken wahr – im Scheinwerferlicht des Gerichtssaales stand. Zu dem sie nun aufschauten, als gierten sie danach, ihn in der Rolle des Richters über sich selbst zu erleben.

Joe Fliederstein wischte sich Schweißtropfen von der Stirn. Für einen Augenblick hatte es ihm die Sprache verschlagen. Er stand jetzt also vor Gericht! Und die Zuschauer im Saal guckten ihn geradezu herausfordernd an! Als wollten sie ihm signalisieren: Hallo, Sie da, Angeklagter, kommen Sie umgehend zur Sache! Wie hat es sich da unten denn nun abgespielt?

«Herrschaften, Geduld!» Joe versuchte abzuwiegeln. «Ich bin ja schon dabei, aber reden Sie mal aus dem Stand über Ihr … Ihr Erdendasein, und fragen Sie sich, ob Sie erdenwärts auch alles richtig gemacht haben, das ist doch gar nicht so einfach … vielleicht sagt mir mal jemand, was aus meinem Cognac geworden ist! … Natürlich erhebe ich Anspruch auf ein himmlisches Langzeiteckchen, warum denn auch nicht! So ein Eckchen würde mir schon genügen. Aber steht es mir auch zu? Das ist doch, wenn ich den Zettel richtig deute, hier die Frage. Wer bin ich denn, dass ich es mir auch verdient hätte?» Joe Fliederstein blickte hilfesuchend in die Runde, als könne er von dort auf eine Antwort hoffen. Die Zuschauer blieben stumm.

Joe knöpfte sich das Hemd auf. Luft! Tiefes Einatmen durch die Nase! Das Hemd müsste mal wieder gewaschen werden, dachte er.

«Unsere Familie, die Fliedersteins» – Joe war nun entschlossen, einfach draufloszureden, er hatte keine Vorstellung davon, wie er vor diesem Jüngsten Gericht bestehen sollte, ob man sich für sein Erdendasein überhaupt interessierte, ob er tatsächlich selbst darüber ein Urteil sprechen durfte … oder ob er schon mittendrin steckte im Höllenfeuer – «unsere Familie hat immer ein sehr eingeschränktes Erdendasein geführt», bekannte Joe. «Wir haben uns nie, wie soll ich es ausdrücken, auf Wirklichkeiten eingelassen. Das lag nicht in unserer Natur, weiß der Teufel, warum – oh, ich bitte das Gericht um Entschuldigung!» Joe Fliederstein – als habe ihn da gerade der Hammer des Gerichtsvorsitzenden wegen unzulässiger Wortwahl zur Ordnung gerufen – war zusammengezuckt. «Ich möchte es einmal so sagen: Immer haben wir Fliedersteins uns vor den Wirklichkeiten gedrückt. Waren im Gedanklichen unterwegs. Was ich damit andeuten möchte: Die wirkliche Welt – wir Fliedersteins haben uns da herausgehalten. In den erfundenen Welten haben wir geglänzt. Und insofern habe auch ich nur ein, wie soll ich es sagen, ein schattenhaft geführtes Erdendasein anzubieten. Es gibt da nichts wirklich Greifbares, das man hier verhandeln könnte. Also … also müsste ich doch … ich meine … für eine Einquartierung im Himmel müsste das doch reichen … ich meine, damit müsste ich doch mindestens für den Himmel vorgemerkt sein, oder? Ich habe ja nichts … wie soll ich es zusammenfassen: Ich habe ja nichts angestellt!» …