literaturbonbons

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Weit übers Meer und dann links

Swingspiel für einen Schauspieler und einen Pianisten

«Darf ich mich zu Ihnen setzen?»

Roxane schaute nicht auf. Sie tippte eine SMS in ihr Handy. «Bitte!» murmelte sie.

Im Schribsdorfer Gartenrestaurant drängten an diesem maiwarmen Sonntagmorgen die Leute zu den Plätzen, einige Stühle waren noch unbesetzt – na, und wenn er sich ausgerechnet zu mir hocken will, dachte Roxane und tippte, dann meinetwegen. Ein Mensch in verknittertem Hemd und Schlapphut war an ihrem Tisch stehen geblieben. Aus den Augenwinkeln hatte sie ihn im Blick. Er schien nervös zu sein. Unrasiert war er, stellte Roxane fest, als sie zu ihm hochblinzelte. Und da hatte er sich auch schon gesetzt. Rieb sich mit den Handrücken die Augen aus. Guckte sich unruhig um. Der wird sich nicht gerade das Schlemmerfrühstück bestellen, dachte Roxane. Sie tippte weiter in ihr Handy. Eine Nachricht an ihre beste Freundin: «Du, es hat dreizehn geschlagen!» – tippte sie. «Ich habe den Schlipsfritzen aus der Kreissparkasse abserviert, was sagst du? War mir zu anstrengend. Immer nur das Geld anderer Leute im Kopf. Bin ab heute wieder solo. Stand heute Morgen vorm Bahnhofseingang, wollte mich in einen Zug setzen und irgendwo ankommen. Hab ich dann verschoben. Mir ist ein bisschen nach Weltuntergang zumute.» Sie schickte die SMS ab.

Die Vormittagssonne streifte Roxane über den neu gekauften Hosenanzug. Es duftete rundum nach Kaffee und frischen Brötchen. Ein Dackel bellte zum Himmel hoch – Roxane fühlte sich hundeelend. Aber kein Mensch, verdammtnochmal, und schon gar nicht ein unrasierter Schlapphut hatte sich da einzumischen!

«Ich möchte Sie bitten», sagte der Schlapphut mit leicht zitternder Stimme, nachdem er Roxane eine Weile gemustert hatte, «ich möchte Sie bitten, für eine oder zwei Stunden meine Geliebte zu sein, lässt sich das machen?»

Roxane betrachtete sich in dem kleinen Spiegel, den sie aus ihrer Handtasche gefischt hatte. Wie bitte? Hatte sie sich da gerade verhört?

«Selbstverständlich nur zum Schein», fuhr der Schlapphut stockend fort. «Und nur für eine Stunde oder höchstens zwei. Meine heimliche Geliebte, sozusagen. Könnten Sie das für mich einrichten?»

 

… Textsprung …

 

Nichts als das Gelegenheitsgeträller eines heruntergekommenen Sängers. Der die ganze Nacht über kaum geschlafen hat. Der jetzt ein wenig überdreht vor Ihnen sitzt und ein paar schräge Töne spuckt. Wissen Sie: Ich habe mich eine Nacht lang im Bett herumgewälzt. Im Gedankenschnellzug bin ich durch die siebzig Jahre meines Lebens gesaust, und es war eine ziemlich enttäuschende Reise. Bis der Schaffner heute Morgen – Endstation! – gerufen hat. Alles aussteigen!, rief er. Und auf einmal wusste ich es: Ich war mein Leben lang immer nur im Kreis herum gefahren. Also stieg ich aus, und ich redete mit mir selbst: Adrian Mielnickel, sagte ich, entweder, du gehst jetzt zu Fuß weiter wie bisher und steuerst den nächstbesten Friedhof an, oder: Du hebst ab! Fliegst davon! Und kaum hatte ich das zu mir selbst gesagt, plumpste mir die Fee in den Schoß und flüsterte es mir ins Ohr: Adrian Mielnickel, du machst dich augenblicklich auf die Socken!»

«Und wohin werden Sie fliegen?» fragte Roxane.

«Weit übers Meer und links!»

«Ganz schöne Entfernung!»

Wieder fing er an zu singen. Leise über den Tisch.

 

 

Song

 

Ich wollt, ich könnt im Möwenflug

Die erste Strecke nehmen,

Ich weiß noch nicht, wie heb ich ab,

Mach ich nach fünfzig Metern schlapp,

Blackout in den Systemen?

 

Ich wollt, ich könnt die Flügel drehn

In Richtung Paradiese,

Ich weiß noch nicht, wo halt ich an,

Ob ich die Landung schaffen kann

Im Sumpfloch einer Wiese?

 

Ich wollt, ich könnte vor mir her

Die Wolkenberge schieben,

Ich wollt, ich wäre stark und schrie

Den Himmel an, als hätt ich nie

Mich unten rumgetrieben.

 

Ich wollt, die Sehnsucht wär aus Gold,

Ich hätt sie in Paketen,

Die nähm ich mit, egal wie schwer,

Nähm ich sie mit weit übers Meer,

Wohin die Winde wehten.

 

«Beneidenswert, was Sie sich da vorgenommen haben!» sagte Roxane. «Aber ein frisches Hemd für die lange Reise hätten Sie ruhig riskieren können!»

«Ich hatte es auf einmal eilig heute Morgen. Habe mir meinen Lieblingshut geschnappt und bin von zu Hause ausgerissen», entgegnete Adrian Mielnickel. «Sie schliefen alle noch, als ich das Haus verließ. Dachte ich jedenfalls. Ich bin ein kurzes Stück unsere Straße entlang gegangen, und hinter der ersten Kreuzung – ich wollte es selbst nicht glauben – bin ich zum ersten Mal vom Boden abgekommen. Ja, ich bin geflogen! Eine kurze Strecke die Linksabbiegerstraße entlang! Und dabei haben die Herrschaften mich beobachtet. Standen plötzlich allesamt auf dem Bürgersteig und sahen mir beim Flugtraining zu. Meine Twitterbotschaft hatte sie aufgeschreckt. Auch hinter den Fenstern standen auf einmal Leute und guckten. Meine ersten Flugversuche waren nicht ohne Lärm abgelaufen, können Sie sich vorstellen, das Herumgestolpere am Anfang, der Jubel, als ich vom Boden abkam – keine Ahnung, was ich da gebrüllt habe – aber es wird die Leute aus dem Schlaf gerissen haben. Also setzte ich sofort zur Landung an und rief es allen zu, über die Straße hinweg und zu den Fenstern hoch: Ihr habt es gerade gesehen, ich werde ein Vogel sein! Heute noch! Zugegeben, es war noch kein großartiger Flug gewesen, was ich da geboten hatte, und ich wollte mich auch davonstehlen und in aller Heimlichkeit irgendwo weitertrainieren. Aber sie sind mir gefolgt. Bis hierher. Vorhin, als ich mir ein Frühstück bestellen wollte – dort hinten in der Ecke saß ich – krochen sie plötzlich alle auf mich zu. So jedenfalls kam es mir vor. Da ist mir der Appetit vergangen. Ich stand vom Stuhl auf und steuerte Ihren Tisch an, meine Schöne, denn hier war ich erst einmal in Sicherheit. Jetzt trauen sich die Herrschaften nämlich nicht an mich heran. Diese Konstellation können sie sich nicht erklären. Vielleicht wittern sie ja so etwas wie eine kleine Sensation, reden sich ein, ich könnte mit Ihnen, meine Schöne, eine Eroberung gemacht haben, und an eine solche Eroberung werden sie erst einmal nicht glauben wollen. Weil: Eine Eroberung in meinem Alter, die wäre in ihren Augen ein Wunder, mit dem nicht mehr zu rechnen war. Ein Wunder, dem man etwas Zeit zur Entfaltung gibt, ehe man darüber nachdenkt, wie man es ausschlachtet.» Adrian Mielnickel kicherte hinter der vorgehaltenen Hand. «Mit meinen Eroberungen sind die Herrschaften immer sehr diskret umgegangen, kann ich Ihnen sagen. Man hat sie zur Kenntnis genommen und gerne davon profitiert. Enzo Cartelli, dieser bemerkenswert mitfühlende Zeitgenosse … schauen Sie zu ihm hin! Fällt es Ihnen auf? In Gedanken verkauft er uns beide gerade an die Presse!» Adrian Mielnickel kicherte wieder. «Ich schlage vor: Wir sollten ihn über unsere Pläne nicht länger im Ungewissen lassen! Gestatten Sie mir also, dass ich Ihnen ein wenig näher auf die Pelle rücke. Ich benötige Sie und Ihre Schönheit. Kurzfristig. Vielleicht darf ich sogar meinen Arm um Ihre Hüfte legen, wenn wir gemeinsam das Restaurant verlassen? So nämlich müssen wir es durchziehen, meine Schöne! In Sekundenschnelle! Und dann nichts wie ab irgendwohin in den Untergrund! Die Herrschaften werden uns natürlich folgen, damit ist zu rechnen. Sie werden alles versuchen, um uns auf den Fersen zu bleiben. Deshalb müssen wir auch sofort in den zügigen Dauerlauf wechseln, wenn wir das Restaurant hinter uns gelassen haben!»

«Und das kriegen Sie tatsächlich hin: davonzufliegen?» fragte Roxane lächelnd. Sie wollte nichts von dem ernst nehmen, was ihr der redselige Schlapphut da zu erzählen wusste, aber sie fand ihn amüsant. Seine Geschichten hellten ihre Stimmung auf. Verrücktheiten, ja, aber Roxane ließ sich jetzt gern darauf ein. «Davonfliegen – das ist doch eine ziemlich komplizierte Angelegenheit!»

«Ich glaube, es ist ganz einfach», widersprach er. «Ich habe es schon einmal geschafft. Ist lange her. Damals war ich ein junger Mann, gerade zwanzig, fünfundzwanzig, ich bin davongeflogen, über alle Dächer nach … ich weiß nicht mehr, wohin. Tja. Und mit der ersten Zwischenlandung hatte es mich in ein Schwimmbad verschlagen, an einem warmen Sommerabend, die Besucher hatten das Schwimmbad längst verlassen, nur eine junge Frau, ein Engel, hockte noch hinter einem Gebüsch auf der Wiese und las in einem Buch. Sie hatte die Öffnungszeiten womöglich nicht im Kopf, hatte die Welt um sich herum vergessen, las und wollte, so schien es mir, auf der Wiese übernachten. Und so habe ich sie kennengelernt: Tita, meine Frau. Damals ein geheimnisvolles Wesen, das mich mit einem unglaublich ansteckenden Lachen zum Bleiben überredete. Ich bin an diesem Abend nicht weitergeflogen. Am nächsten Tag auch nicht. Als ich es nach unserer Hochzeit später noch einmal versuchte, hatte ich vergessen, wie ich es anstellen musste. Vor zwei Jahren haben wir uns scheiden lassen.» Er hielt einen Augenblick inne. «Jetzt aber werde ich es genau so machen, wie damals, mir ist nämlich wieder eingefallen, worauf es ankommt: Ich werde alles vergessen, was ich weiß und wie man sich bewegt. Das ist wichtig! Und ich werde mit den Flügeln schlagen, so gut ich es schon kann. Man muss daran glauben können, meine Schöne! Das ist alles. Das genügt! Ich habe vorhin mit dem Hotel Auenblau telefoniert und angefragt, Sie kennen es? Dort kann ich ein Zimmer bekommen inklusive Zugang zum Fitnesskeller. Na, und dort werde ich trainieren. Den Gleitflug. Den Sturzflug. Den Langstreckenflug. Ich weiß es, meine Schöne: Ich werde ein Vogel sein!»

«Ich wünsche es Ihnen», sagte Roxane.

«Bedeutet das, Sie stimmen zu? Sie werden meine heimliche Geliebte sein? Kurzfristig? Bis wir die Herrschaften hier allesamt abgeschüttelt haben?»

Roxane schloss für einen Moment die Augen. «Ich halte das alles für einen Spleen» sagte sie dann. «Aber warum eigentlich nicht? Vielleicht kann ich in Gedanken sogar ein bisschen mitfliegen, ich könnte es heute gut gebrauchen!»

«Wunderbar!» sagte Adrian Mielnickel leise. Und dann sagte er: «Sie erlauben, dass ich Ihnen auf gut Glück eine Liebeserklärung mache?»

 

 

Song

 

Vielleicht zählt Unsereins zum alten Eisen,

Vielleicht soll morgen schon Verschrottung sein,

Vielleicht schlägt Unsereins die letzten Schneisen

Und drängt sich einmal noch ins Leben rein.

 

Ich war zum letzten Mal vor tausend Jahren

Verliebt in eine längst vergessne Frau,

Ich weiß nicht mehr, ob wir im Himmel waren,

Wir wollten hin, das weiß ich noch genau.

 

Ich bin kein Mann von Welt und von Erfahrung,

Ich geh tagaus tagein im gleichen Hemd,

Und alle Wunder einstiger Behaarung

Hat mir die Zeit für immer weggekämmt.

 

Ich denke gern an jene Glücksmomente,

Da ich noch sagen konnte: Fünfzig – und?

Es geht dein Geist noch lange nicht in Rente,

Du brauchst noch lange keinen Ausgehhund!

 

Jetzt, da die Siebzig angefangen haben,

Nehm ich den Hund als gottgegeben an

Und lass mich gerne mit dem Hund begraben,

Wenn ich mich einmal noch verlieben kann.